Etwas zur Geschichte von Untermain

von Klaus Ferro


Im Jahre 1924 wurde die ehemalige "Vereinigung für Vogelschutz" von Sebastian Pfeifer und Rektor Philipp Schilling gegründet. Diese Vereinigung hatte die Hebung des Vogelbestandes durch Aufhängen von Nisthöhlen, Winterfütterung und Schutz gegen überhand genommene Nachstellungen nützlicher Vogelarten zum Ziel. Die Gemeinde Bergen-Enkheim stellte der Vereinigung ein Grundstück zum Ausbau einer Vogelfreistätte zur Verfügung. Es wurden in der nachfolgenden Zeit Beringungen der hiesigen Vogelwelt durchgeführt, deren Erfolge dazu führten, dass der Vereinigung eine ZweigberingungssteIle der Vogelwarte Helgoland angegliedert wurde. Im Jahre 1931 wurde die erste kleine Beobachtungsstation errichtet, die oberhalb des jetzigen Stationsgebäudes zu sehen ist. In den Jahren 1938/39 wurde die Vereinigung für Vogelschutz mit der Zweigberingungsstelle "Untermain" zusammengeführt, woraus der heutige Name "Vogelkundliche Beobachtungsstation Untermain" (VBU) entstand.

Zuvor beantragte der Vorsitzende Pfeifer die Gründung einer Vogelschutzwarte für Frankfurt am Main, die 1937 eingerichtet und ihren ersten Sitz im Rödelheimer Schloß hatte, das im Krieg jedoch zerstört wurde. 1946 wurde Sebastian Pfeifer wissenschaftlicher Leiter der Vogelschutzwarte, die 1948 ihre neue Bleibe in einem neu errichteten Institutsgebäude in einem Waldstück bei Frankfurt-Fechenheim hatte. Die VBU nutzte die Vogelschutzwarte in Anbetracht der tatkräftigen Unterstützung von Mitgliedern bei deren Bau als Versammlungsort und Sitz der Bibliothek. 1953/54 ist das heutige Stationsgebäude am Berger Hang mit der Hilfe zahlreicher Mitglieder erbaut worden, und am 2. Oktober 1954 wurde es mit einem Festvortrag eingeweiht.



1972 wurde die Vogelschutzwarte verstaatlicht, der damalige Leiter Dr. Keil stellte daraufhin die Räume nicht mehr für die Vortragsabende und für die Bibliothek zur Verfügung. So löste sich die VBU 1979 von der Vogelschutzwarte in Fechenheim und zog in die Stadthalle Bergen um, wo bis heute die Versammlungen und Vorträge des Vereins abgehalten werden. 1984 wurde zum 60-jährigen Bestehen der VBU das Stationsgebäude zu Ehren des 1982 verstorbenen Sebastian Pfeifer zum "Sebastian-Pfeifer-Haus" umbenannt.

Das ehemalige Beobachtungshäuschen oberhalb, in dessen Nähe in den letzten Kriegstagen eine Luftmine heruntergekommen war, war all die Jahre unbenutzbar mit Rissen in den Wänden und einsturzgefährdet. Im heißen Sommer 1992 wurde es von den Mitgliedern renoviert und dient seitdem als Gerätehaus.

Das Sebastian-Pfeifer-Haus dient heute als Treffpunkt und Ort, wo den Mitgliedern des Vereins, aber auch allen Interessierten in Form von Vorträgen und Demonstrationen Informationen über die verschiedensten Bereiche der Natur und des Naturschutzes nahegebracht werden. Projektwochen für Schulklassen, Mitglieder-Abende und naturkundliche Gespräche finden hier statt und nicht nur in der Brutzeit ist hier meist an den Samstagen Treffpunkt der Beringergruppe. Die genauen Termine erfahren Sie unter Termine.

Das ganze Jahr über, besonders aber im Frühjahr, ist das Sebastian-Pfeifer-Haus am Berger Hang mit seinem Blick über die ganze Mainebene ein Kleinod, auf das wir nicht mehr verzichten möchten.






Vogelbeobachter am Untermain

von Wulf Röhnert




Aus der Sicht ziehender Zugvögel ist der Berger Hang sicher immer eine lästige Bodenwelle auf dem Weg nach Norden gewesen. Machte es sich aber ein schwedisches Blaukehlchen zu leicht, und wollte es die Höhe nur gerade eben so überwinden, dann landete es in früheren Zeiten urplötzlich in feinen Maschen, wurde ergriffen, gemessen, gewogen, beringt - und ist bis heute statistisch erfasst. Mehr passierte ihm natürlich nicht: Schließlich war es der "Vogelkundlichen Beobachtungsstation Untermain" ins Netz gegangen. Und das Gelände ist seit Ende der zwanziger Jahre urkundlich zur Vogelfreistätte bestimmt.

Lange wurde am Hang nicht mehr allgemein beringt: Was über den Vogelzug so zu erfahren war, ist weitgehend bekannt. Außerdem war es den Staren nicht recht, die neben vielen anderen Vögeln den Platz bewohnen und in Prof. Merkels Starenkästen hausen. Sie wurden auch so schon oft genug kontrolliert - als Elternvogel, als Nestling und sogar bereits als Ei. "Untermain", gegründet 1924 und somit Kind einer früheren Welle "grüner" Naturbegeisterung, hat sich aktuellen Aufgaben zugewandt: Die Wissenschaft hat dabei wie eh und je ihren Anteil, aber auch der aktive Naturschutz, die Weiterbildung und Förderung des Interesses an biologischen und ökologischen Fragen in der Bevölkerung.

Und seit 1995 - was gut ist, kehrt wieder - wird auch wieder beringt: Wir nahmen am "Heckenprogramm" der Vogelwarte Helgoland (Wie wichtig ist der Lebensraum Hecke?) teil und sind auch bei dem anschließenden Monitoring-Progamm dabei. Untermain bleibt am Netz! (Termine).

Noch ein Wort zu den Staren, die sich Besuchern des Sebastian-Pfeifer-Hauses lautstark vorstellen: Untermain-Ehrenvorsitzender Friedrich Merkel (+), emeritierter Zoologe der Uni Frankfurt (ihm und seinen Schülern verdankt die Fachwelt, was sie über die Orientierung der Vögel weiß), stellte hier seine Fragen an Sturnus vulgaris. Die Kolonie am Berger Hang antwortete mit einer Flut von Daten. Und auch eine Französin ging schon bei uns auf Stimmenfang: Sie verglich Vogeldialekte - da durfte Starenhessisch nicht fehlen!

Vögel brauchen Ruhe, und so kann am Hang nicht immer Mitgliederversammlung sein. Fast gab es einmal nicht deswegen - eine Vorstandssitzung nördlich des Polarkreises: Die reiselustigen Vereinsangehörigen steuern Ziele in aller Welt an und berichten darüber in Film- und Diavorträgen in der Berger Stadthalle. Dazu kommen Vorträge mit ornithologischen und naturkundlichen Themen. Nebenan bezog Untermain 2001 in der alten Schelmenburg eine Geschäftsstelle und hat seitdem wieder eine "richtige" Adresse.

In der Stadthalle ist auch die umfangreiche Vereinsbibliothek sicher untergebracht - leider aber nicht so leicht zugänglich. Den Großteil des Bestands bilden wissenschaftliche Zeitschriften - sie kommen im Austausch für unsere Zeitschrift Luscinia, die Untermain seit Jahrzehnten herausgibt. Der Name bezeichnet die Nachtigallen-Gattung, zu der das Blaukehlchen gehört. Der deutsche Vetter des eingangs erwähnten "Schweden" dient Untermain als Wappentier. Es hat sich aber schon lange nicht mehr für das Brutgebiet im nahen Enkheimer Ried interessiert; das letzte Nest fand Gerhard Lambert 1950. Heute bereiten andere gefiederte Nachbarn Sorge: Seit 1994 brütete kein Baumpieper an unserem Teil des Hangs - bis dahin ein gut vertretener Zugvogel. Die Gründe für das Ausbleiben lassen sich nicht exakt nennen, dürften aber auch in der Störung durch gedanken- und rücksichtslose "Naturliebhaber" mit Hunden liegen.

"An Ostern, 1. Mai, Himmelfahrt und Pfingsten sollte es regnen", so hört man bei Untermain, "das ist das Beste für das Ried".

Unerwünscht ist Regen dagegen bei Exkursionen und Wanderungen, die das Untermain-Jahresprogramm anbietet. Ziele sind bekannte Naturschutzgebiete von Bingen-Gaulsheim bis Waghäusel in Baden oder Reviere seltener Vogelarten wie Zippammer und Nachtschwalbe. Willkommen ist dabei jede und jeder, die bzw. der ein Fernglas halten kann. Und willkommen sind alle, die mit Schaufel, Hacke oder Säge umgehen können, wenn für die Streuobstwiesen am Hang Pflegemaßnahmen angesagt sind. Eine wuchernde Hecke wird nun mal nicht vom guten Willen gestutzt. Nirgends wird dem Naturfreund so klar wie dabei, dass eine Streuobstwiese eine Kulturlandschaft ist, die sich nicht von selbst erhält.

Arbeit genug verheißt auch die Zukunftsplanung der Vogelkundlichen Beobachtungsstation Untermain e.V.: Sebastian-Pfeifer-Haus, benannt nach einem berühmten Vogelschützer und Mitgründer des Vereins, ist Informationszentrum geworden. Bei der Lage im Naturschutzgebiet (NSG) Berger Hang und oberhalb des NSG Enkheimer Ried bietet sich diese Verwendung an. Dazu haben unsere Mitglieder unglaublich viel geleistet in und an dem kleinen Haus, das eine frühere Generation tatkräftiger Untermainer 1954 errichtete. Lange war nur eine eingeschränkte Nutzung möglich, etwa wenn Ulrich Eidam Lehrerfortbildungskurse leitete. Heute sind Haus und Schuppen saniert, repariert, renoviert; es gibt regelmäßig Veranstaltungen "auf der Station".

Über die Kostbarkeiten rund um das Gelände des Vereins, Orchideen etwa oder seltene Vogelarten, soll an dieser Stelle nicht berichtet werden: nach aller Erfahrung schadet den Pflanzen, Tieren und Lebensgemeinschaften die offene Publizität. Vor und nach den Veranstaltungen aber wird im persönlichen Gespräch bei Untermain gern Auskunft gegeben. Oder Sie informieren sich an Frühjahrs- oder Sommerwochenenden im Sebastian-Pfeifer-Haus. Zugänglich ist es nur von der Landstraße zwischen Bergen und Bischofsheim - etwa 250 m östlich des Schützenhauses "Diana". Und sollte zufällig weder Stationschef Manfred Sattler noch sonst jemand von uns anwesend sein: Nehmen Sie bitte Platz und genießen Sie eine Weile den herrlichen Ausblick vom Hang über das Ried auf Frankfurt und Offenbach.



Und noch ein paar schöne Fotos auf der Website von Karl-Heinz Graß vom Berger Hang


WebCounter ab 23.02.2014:
heute:    gestern:    diese Woche:    letzte Woche:    im Monat:    und im Jahr: